Zukunft des Journalismus – ein Szenario und Denkansatz

Donnerstag 28. Januar 2010 • Kategorie Ideen, Neuheiten, Studien

Alles unterliegt letztendlich einer Abstimmung durch viele Menschen.

Durch die rasante Entwicklung des Internet hat sich viel verändert. Durch neue Anwendungen und immer mehr international Beteiligte wird sich diese Entwicklung weiter fortsetzen. Der grösste Zuwachs an Usern wird in den Schwellenländern erfolgen, je stärker die Infrastruktur dort ausgebaut wird. Deren Anforderungen und Wünsche, sowie ihre Leistungs- und Kaufbereitschaft werden den Ausschlag für die zukünftige Entwicklung geben. Das hat starken Einfluss auf uns.

Mit Interesse verfolge ich die Diskussionen und Aktivitäten, die es bezüglich Internet und Journalismus / Verlagswesen derzeit gibt. Für viele auf diesem Gebiet ist nicht klar, dass die alten Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren können. Und zwar, dass Verlage mit Print-Produkten über gedruckte Werbung existieren können. Besonders etablierte, führende Akteuere auf diesem Gebiet, wehren sich mit Händen, Füssen und haarsträubenden Methoden gegen diese Entwicklung. Und das, obwohl sie sich selber in den letzten Jahren zu einfachen “Durchreichern” von Pressemeldungen der grossen Presseagenturen entwickelt haben. Für eine Entwicklung oder das “zur Kenntnis nehmen” dieser Entwicklung kann kein einzelner Mensch oder eine Institution etwas. Es ist also müssig sich dagegen aufzureiben. Es ist besser man schaut den Tatsachen ins Gesicht und passt sich an. Viele hochrangige Verlage haben das leider noch nicht begriffen oder öffentlich andere Wege eingeschlagen.

Durch das Internet wird eine stärkerer Markttransparenz hergestellt. Für eine grössere Anzahl an Menschen wird die Auswahl übersichtlicher und vielfältiger. Sie können unter mehr Produkten zu unterschiedlichen Preisen wählen. So auch für Artikel im Journalismus. In der “gedruckten” Welt wurde “Angebot” und “Nachfrage” durch physische Verteilung beeinflusst. Das soll heissen, wer es sich leisten konnte hohe Auflagen zu drucken und das entsprechende physische Vertriebssystem hatte, konnte entscheiden welche Zeitung, Magazin und letztlich welcher Artikel wo landete. Am Kiosk konnte der Endkunde nur noch unter Paketen von Artikeln, sprich Zeitungen und Magazinen, auswählen und sein Votum für oder gegen dieses Paket abgeben. Kein Kunde konnte einen einzelnen Artikel kaufen. Deshalb wissen auch die meisten Verlage nicht wirklich, was ihre Leser eigentlich lesen wollen. Deshalb hat sich auch im Verlagswesen eine sehr arrogante Haltung etabliert, die von oben herab so tut, als wüssten sie was die Menschen unten auf der Strasse lesen wollen. Natürlich wurden diese Meinungen durch gekaufte Analysen erhärtet, so das man sich selber keine Vorwürfe machen musste. Auf den politischen Aspekte, mit dem viele Interessengruppen Einfluss nehmen was gedruckt wird, möchte ich gar nicht erst eingehen.

Nun mit dem Internet ist diese “Kruste” aufgebrochen und die Endverbraucher holen sich im Internet, das was sie mögen. Und es zeigt sich, dass das inhaltlich und preislich diametral entgegengesetzt zu dem steht, was bisher gedruckt veröffentlicht wurde. Einen besseren Beweis für eine verkrustete Struktur gibt es nicht. Heute kann ein Kunde über das Internet, ohne einen Fuss vor die Tür zu machen, aus einer riesigen Vielzahl an einzelnen Artikeln auswählen und den Preis dafür, meist selber, bestimmen. An diesem Satz merkt man wie viele Parameter sich auf einen Schlag verändert haben. Das muss ja zu einem Kollaps der alten Systeme führen. Eines sticht aber besonders heraus, man merkt im Internet ganz genau, dass die meisten Verbraucher nur für wirkliche Information oder Unterhaltung zahlen wollen. Für die Inhalte, die uns auch per Druckerzeugnis geliefert werden, zahlt die Mehrheit im Internet nicht. Daran wird sich auch durch neue Zahlugs- oder Zugriffsmodelle nicht ändern.

Die New York Times hat in den letzten Jahren eine Strategie verfolgt, die ihnen helfen soll auf erfolgreiche Einnahmenmodelle im Internet zu kommen. Zuerst haben sie ihre Artikel im Internet kostenlos angeboten um die Besucherströme zu sich zu ziehen. Nun, da sie die Besucherzahlen haben, wollen sie von dem kostenlosen System zu einem bezahlten System wechseln. Was für ein Irrsinn. Die Folge wird sein, dass sie 80 % der jetzigen Besucher so verärgern, dass die nicht einmal mehr die gedruckte Version kaufen wollen. Die restlichen 20 % der Besucher fühlen sich erpresst, weil sie bisher nicht zahlen mussten und jetzt vielleicht aus beruflichen Gründen gezwungen werden. Ich frage mich immer bei solchen Betrachtungen, ob diese Verlage keine kreativen Köpfe mehr haben oder ob es in den Führungsetagen nur noch Dickköpfe gibt. Anders kann man sich das mit gesundem Menschenverstand nicht mehr erklären.

All das zeigt, dass der gesamte Markt des Verlagswesens, was nicht Bücher angeht, und die Arbeit von Journalisten in einem starken Umbruch ist, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Ich könnte mir nun folgendes Szenario und Denkansätze vorstellen.

In Zukunft teilen sich die Märkte für “informative Artikel” in drei Bereiche auf.

- Den hoch qualitativen Bereich von detaillierten Dossiers und Fachinformationen. Dieser Markt ist bereits stark auf dem Vormarsch, wird aber von den Massenmedien noch nicht wahrgenommen, kommuniziert oder Angeboten. Zum Beispiel werden in der Erdöl-Branche regelmässige Informationen über die Lage in verschiedenen Regionen benötigt. Es gibt kleine Verlage die genau dafür, sehr gut recherchierte Dossiers zusammen setzen und für anständige Preise über das Internet verkaufen können. Das Gleiche gilt für den Medizinsektor. In anderen Bereichen tut sich da auch sehr viel. Warum sollte es nicht auch solche Dossiers für neue Autos oder Hausbauer geben. Es ist ja nur eine Frage, welche gute Information kann man zu welchem Preis verkaufen. Diese Methode können auch grosse Zeitungen anwenden. Warum sollten sie nicht gute Dossiers zur politischen Lage oder Wirtschaftsentwicklung verkaufen. Ich bin mir sicher mit der Qualität steigt auch der Preis. Letztendlich ist es eine Frage des unternehmerischen Gespürs für das was die Kunden wollen.

- Die Versteigerung von guten Artikeln wie z.B. auf eBay ist ein weiteres Szenario. Kaum jemand gibt heute noch seine Informationen in Foren oder sonst einer Form kostenlos weiter. Darunter leiden mittlerweile alle grossen Netzwerke. Für einen guten Artikel, eine Dokumentation oder Anleitung ist aber so mancher bereit einen bestimmten Preis zu zahlen. Der beste Weg um den idealen Preis heraus zu finden, ist den über eine Auktion. Dort regeln Angebot und Nachfrage das was Jahrzehnte lang nicht möglich war. Hier würde sich auch schnell Spreu von Weizen trennen, denn nur was gefragt ist wird auch gekauft. Ausserdem hätte diese Methode zur Folge, dass die Aktualität belohnt wird. Wenn die FAZ alle Artikel die sie in ihren Beständen hält und derzeit nicht auf der Homepage veröffentlicht, über ein solches Auktionssystem verkaufen würde, würden sie mehr einnehmen und würden noch obendrein feststellen wofür wie viel bezahlt wird. Selbst wenn viele Artikel zu niedrigsten Preisen verkauft würden.

- Kostenlose und kostenpflichtige Nachrichten. Die kostenlosen Nachrichten und Unterhaltung können die sein, welche auf die beiden erst genannten Bereichen verweisen, sozusagen als abgestrippte Teaser um Kundschaft heran zu holen bzw. diese online – wie offline mit Werbung finanziert werden. Die kostenpflichtigen Nachrichten könnten über Flat-Rates vermarktet werden, die aber weit mehr bieten als die heutigen Abonnements. Zum Beispiel Zugriff auf verschiedene Magazine und Zeitungen mehrere Verlage. Ähnlich dem Kabel- oder Internet-Fernsehangebot.

Die Problematik des Copyright und Kopierschutz sehe ich nicht als entscheidend an. Menschen oder Unternehmen die für gute Artikel bezahlen, werden diese nicht in Windeseile im Internet verbreiten. Da wo sie es gewerblich machen, kann man leicht gegen sie vorgehen. Ausserdem sind heute die Möglichkeiten z.B. PDF-Dokumente zu schützen und mit eigenen Copyright – Hinweisen zu versehen, vollkommen ausreichend.

Diese Modelle bieten Journalisten ungeahnte Chancen. Warum sollte sich ein Journalist nicht selbständig machen und für einen ganz speziellen Themenkomplex sehr gut recherchierte Dossiers verkaufen? Im Internet hat er einen leicht zu erreichenden Markt und Verkaufskanal.

Es entstehen bereits jetzt Unternehmen, die sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, was Informationen und Nachrichten angeht, zu Nutze machen und damit ganz neue Geschäftsmodelle im Internet aufbauen. Sie nutzen bereits eines oder mehrere der oben genannten Szenarios.

Gordian Hense

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